Corona & Risikogruppe | Leben nach Transplantation

EBMT Webinar: 4 wichtige Vorträge über die Behandlung von Covid-19 in Patienten nach einer Stammzelltransplantation

3. Juni 2020

Die wirksame Behandlung  der Erkrankung Covid-19 ist neben der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus eines der wichtigsten Ziele in der aktuellen Forschung. Für Patienten nach einer Stammzell-transplantation sind diese Untersuchungen äußerst wichtig, weil  sie ein Leben mit einer Immunsuppression führen.

Coronavirus verursacht Covid-19

Mitte Mai fand ein internationales Webinar zu diesem hochaktuellen Thema statt. Es wurde gemeinsam veranstaltet von der EBMT (European Society for Blood and Marrow Transplantation) und der ASTCT (American Society for Transplantation & Cellular Therapy).

Titel des EBMT Webinars: Behandlungsmöglichkeiten von Covid-19 Patienten mit Fokus auf Stammzelltransplantation und CAR T Zellen

[CAR-T Zellen sind „chimäre Antigenrezeptor-T-Zellen“, die bei der Behandlung von Krebspatienten eine Rolle spielen)

Als Patientin nach Stammzelltransplantation und Naturwissenschaftlerin mit beruflicher Erfahrung im pharmazeutischen Bereich hat mich das Thema sehr interessiert, und ich hatte die Gelegenheit, diesem Webinar live online folgen zu dürfen.

In diesem Beitrag möchte ich Dir eine verständliche Zusammenfassung des Inhaltes in deutscher Sprache bieten und Dich als Leser mit auf den neuesten Stand der Forschung bringen. Um die Daten im Original zu vorzustellen, habe ich an einigen Stellen die Original englischen Präsentationsfolien eingefügt.

Ziel des EBMT Webinars:

  1. Das Seminar behandelte folgende Medikamente: Antivirale, Chloroquine und anti-entzündliche Medikamente, Immunglobuline und Impfstoffe.
Medikamente
  • 2. Ein weiteres Ziel war es, die verschiedenen Behandlungsoptionen und laufenden Studien für Covid-19 Patienten zu beschreiben.
  • 3. Die Präsentationen gingen auf die Anwendbarkeit der Medikamente in Patienten mit Immunsuppression ein. Außerdem wurde ein Update zu Impfstrategien und den laufenden klinischen Projekten aufgezeigt.

Vier renommierte Wissenschaftler sowohl aus den USA als auch aus Europa hielten Vorträge zu folgenden Einzelthemen:

  1. Antivirale Medikamente
  2. Behandlung mit dem Malariamittel Chloroquin/ Hydrochloroquin
  3. Rekonvaleszentes Plasma für die Behandlung
  4. Update zum Thema Impfstoff
Sprecher EBMT Webinar

Behandlung von Covid-19 mit Remdesivir – 1. Vortrag EBMT Webinar

Der erste Vortrag zum Thema „Antivirals under consideration“ fasste Daten zur Behandlung von Covid-19 Patienten mit Remdesivir, einem antiviralen Medikament, zusammen. Remdesivir hat ein breites Wirkspektrum und ist unter anderem gegen verschiedene Coronaviren, Ebolaviren und RSV wirksam. Folglich wurde es in 4 Studien an Patienten mit schwerer Covid-19 Erkrankung eingesetzt und die Wirkung untersucht. Erste Ergebnisse darunter zeigen, dass Remdesivir die Zeit bis zur Genesung um mehrere Tage verkürzen konnte.

Remdesivir antivirales Medikament

Dennoch sind die Daten zur klinischen Wirksamkeit noch nicht ausreichend, vielmehr fehlen Zahlen zu den Nebenwirkungen des Wirkstoffs. Bisher bekannt ist ein Anstieg von Leberenzymen, Diarrhoe (Durchfall) und Blutdruckabfall unter Remdesivir.

Ein weiteres antivirostatisches Medikament, die Kombination aus Lopinavir/Ritonavir wird zurzeit untersucht. Trotz erster positiver Ergebnisse und der Erfahrung mit SARS-CoV1 lassen sie jedoch die Schlussfolgerung zu, dass es zur Behandlung von Covid-19 nicht zu empfehlen ist.

Zusammenfassend schloss die Sprecherin, dass es noch zu wenig Daten zur Therapie mit Remdesivir von milder bis mittelschwerer Erkrankung und vor allen Dingen zur Behandlung von transplantierten Patienten. Remdesivir kann für Behandlung von Patienten mit Verdacht auf Infektion der unteren Atemwege in Betracht gezogen werden. Überdies sollte bei der Therapie sollte das gesamte multidisziplinäre Team der jeweiligen Klinik mit einbezogen und informiert werden.

Behandlung von Covid-19 mit Chloroquin/Hydroxychloroquin –

2. Vortrag EBMT Webinar

Hydroxychloroquin oder Chloroquin sind weit verbreitete, kostengünstige und sichere Medikamente gegen Malaria. In den letzten Wochen berichtete die Presse über deren Wirksamkeit in Labortests gegen Coronaviren. So behandelte der zweite Vortrag des EBMT Webinars die Studien, die hierzu vorliegen.

Chloroquin und dessen Metabolit Hydrochloroquin wurde bereits als antivirales Medikament in der SARS-CoV1 Behandlung eingesetzt.  Dabei ist es bekannt für einige Nebenwirkungen, so z.B. gastrointestinale Unverträglichkeit, aber auch kardiovaskuläre Nebenwirkungen.

Beide, Hydrochloroquin und Chloroquin, haben antivirales und immunmodulatorisches Potential und kommen daher für die Behandlung von mit Coronavirus Infizierten in Frage. In der hier gezeigten Grafik ist der Zeitverlauf einer schweren Covid-19 Erkrankung zu sehen. 

Präsentation EBMT Webinar

Krankheitsverlauf Covid-19 und Einsatz von Chloroquin

Das Malariamittel wird zu Beginn von Stadium II, der pulmonären Phase, eingesetzt.

Die Hinweise für eine Verkürzung des Krankheitsverlaufes von Covid-19 stammen aus China. Dennoch muss man sich vor Augen halten, dass diese Daten aus Anwendungsbeobachtungen stammen und somit sehr vage sind.

In den nachfolgenden klinischen Studien gelang es nicht, die Wirksamkeit der Arzneistoffe gegen Covid-19 zu belegen.

So wurden sowohl in den USA als auch in europäischen Kliniken die Behandlungen nach enttäuschenden Erfahrungen mit Chloroquin eingestellt.

Daten, die in Lancet, einer großen renommierten medizinischen Zeitschrift zuletzt veröffentlicht wurden, zeigen, dass Hydroxychloroquin sich erneut als wirkungslos erwies. Die Forscher konnten keinen Nutzen nachweisen. Die Verabreichung des Medikamentes in zwei verschiedenen Armen der Studie war sogar mit einer höheren Sterblichkeit verbunden. Demzufolge ist eine Behandlung mit Hydrochloroquin / Chloroquin für Covid-19 Patienten nicht empfohlen.

Ist rekonvaleszentes Plasma ein Hoffnungsträger bei der Behandlung von Covid-19?

3. Vortrag EBMT Webinar

Die dritte Präsentation beschäftigte sich mit einer neuen, vielversprechenden Behandlung mit rekonvaleszentem Plasma.

Was ist rekonvaleszentes Plasma? Hierbei handelt es sich um Blutplasma von Personen, die eine Infektionskrankheit erfolgreich überstanden haben. Sie haben somit eine Immunität gegen den entsprechenden Erreger entwickelt. In ihrem Blutplasma befinden sich Antikörper, die folglich diesen Erreger gezielt bekämpfen können.

Antikürper Wirkung

Wirkung von Antikörpern gegen Erreger

Rekonvaleszentes Plasma wird seit vielen Jahren eingesetzt bei der Behandlung von Influenza, Ebola, Masern und viele andere mehr. Wer wie ich immunsupprimiert ist und an wiederholten Infekten in der Winterzeit leidet, kennt die Behandlung mit Immunglobulinen (Beispiel Gammunex®). Diese fallen unter die gleiche Kategorie von rekonvaleszenten Plasmawirkstoffen.

Die Idee, die hinter dieser Therapie steckt, ist, dass die Transfusion von Plasma, das von geheilten COVID-19-Patienten gespendet wird, wirksam ist bei Covid-19 Patienten. Die Antikörper gegen das Coronavirus, die sich in diesem Plasma befinden, werden so den Patienten verabreicht und helfen ihm damit, das Virus zu bekämpfen.

Es gibt erste ermutigende Hinweise aus China auf einen Nutzen bei der Anwendung von COVID-19-Rekonvaleszentenplasma an schwer an COVID-19 Erkrankten. Hierbei gab es keinerlei Sicherheitsprobleme.

Ein Wirksamkeitsnachweis in kontrollierten klinischen Studien ist dringend erforderlich – so hat die FDA zum „National Convalescent Plasma Project“ aufgerufen.

Auch in Deutschland findet ebenfalls eine Klinische Studie zum selben Thema mit einer geplanten Patientenzahl von über 100 statt. https://www.clinicaltrialsregister.eu/ctr-search/trial/2020-001310-38/DE, dessen Genehmigung in Deutschland innerhalb von schnellster Zeit erteilt wurde.

In Europäischem Raum findet die Zusammenarbeit mit der EU-CCP (Covid convalescent plasma) Datenbank statt, die für die Sammlung von Covid-19-Konvaleszenzplasma von Covid-19-Genesenden verantwortlich ist.

In der Schlussfolgerung der Sprecherin wurde deutlich, dass diese Therapie aufgrund der niedrigen Risiken der Plasmatransfusion als äußerst vielversprechend anzusehen ist. Das Hauptproblem wird sein, logistische Hürden für die Verfügbarkeit von genügend rekonvaleszentem Plasma zu überwinden.

Corona-Impfstoff – Wie weit ist die Forschung? 4. Vortrag des EBMT Webinars

Der vierte Vortrag fasste die weltweiten Entwicklungen eines Impfstoffes zusammen.

Impfstoff Coronavirus

Laut WHO laufen weltweit zurzeit 125 Impfstoff-Forschungsprojekte (USA 61).

11 klinische Studien sind offiziell gemeldet – davon haben sechs mit der Rekrutierung von ersten Patienten (in China, USA und Europa).

Das höchstwahrscheinliche zeitliche Szenario sieht wie folgt aus:

Corona Impfstoff

Während der Vortrag wenig konkrete Ergebnisse zur Impfstoff-Entwicklung zeigte, gibt es bei Quarks.de eine gute Übersicht über Hintergründe dazu.

Der Vortrag des schwedischen Referenten Per Lungman fokussierte auf Covid-19 Patienten nach Stammzelltransplantation. Die transplantierte Patientenpopulation wird als mögliche Impfpopulation der ersten Stunde betrachtet. Vorteilhaft ist, dass es sich um eine limitierte Bevölkerungs-Gruppe handelt, die eine hohe Risikogruppe für Covid-19 Erkrankung darstellt. Desweiteren zeichnen sich transplantierte Patienten durch eine hohe Akzeptanz für Impfstoffe aus.

Trotzdem gibt es noch viele offene Fragen:

  • Ist der Impfstoff gleichsam sicher in transplantierten wie in nicht transplantierten Patienten?
  • Zu welchem Zeitpunkt sollte ein solcher Patient geimpft werden?
  • Können alle Patienten dieser Gruppe mit einem gleichen Impfschema geimpft werden?

Leider muss man zur jetzigen Zeit noch schlussfolgern, dass die Entwicklung eines möglichen Impfstoffes im günstigsten Fall noch mehrere Monate dauert. Auch danach müssen noch viele kritische Fragen geklärt werden .

Was sind die Schlussfolgerungen aus dem EBMT Webinar für Patienten nach Transplantation?

Das EBMT Webinar brachte einen guten Überblick über vier Themen zur Behandlung von Covid-19 Patienten. Diese Zusammenfassung der aktuellen Forschung hilft mir, Entscheidungen für mein eigenes Verhalten in der Corona-Situation treffen zu können.

Was bedeutet das Ganze nun für mich und für andere?

Die Aussichten auf einen Impfstoff sind nicht sehr ermutigend. Wir müssen mindestens bis Ende 2021 warten, bis ein Impfstoff verfügbar sein wird. Positiv finde ich, dass Patienten nach Stammzelltransplantation voraussichtlich zu den ersten zählen, die geimpft werden können.

Ohne Impfstoff werde ich mich weiterhin von größeren Menschenansammlungen fernhalten, und nicht ins Kino gehen. Ich werde meinen Mann auch in Zukunft bitten, für uns einkaufen zu gehen und werde in der Öffentlichkeit einen Mundschutz tragen. Ich treffe ab und zu Freunde, aber immer mit Abstand.

Hygieneregeln Covid-19

Das wichtiges Ergebnis ist für mich, dass einige neue Medikamente für die Behandlung von Covid-19 in Betracht kommen. Meine Hoffnung liegt dabei auf rekonvaleszentem Plasma, das ich bereits aus meiner Erfahrung mit Gammunex gut einschätzen kann.

Das EBMT Webinar ist inzwischen in voller Länge auf YouTube veröffentlicht, falls Ihr es Euch ansehen wollt.

Hoffnung

Wie findet Ihr diese Ergebnisse? Verfolgt Ihr die wissenschaftliche Entwicklung von Imfpstoffen und Therapien? Hinterlasse doch gerne einen Kommentar, ob dich diese Thematik häufig beschäftigt und Du die Nachrichten dazu verfolgst.

  1. Liebe Netti,
    es gibt nun doch auch ermutigende Ergebnisse mit Dexamethason, welches wohl die Immunreaktion bei einer Corona infektion vermindert. Sicher hast Du das auch schon gehört, das Webinar hat diese Medikamente nicht angesprochen, möglicherweise waren die Forschungsergebnisse noch nicht veröffentlicht.

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