Krebsratgeber

„Nicht allein auf weißem Flur“ – ein ganz besonderer Krebsratgeber

Mit rund 67.300 Neuerkrankungen jährlich ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Krebserkrankung von Frauen in Deutschland.

Der Moment der Diagnose zieht jeder Frau förmlich den Boden unter den Füßen weg. Eine Brustkrebserkrankung ist trotz aller guten Therapien heutzutage nicht in drei Wochen zu behandeln. Die Frauen haben in der Regel einen langen Weg von 6-12 Monaten durch die Kliniken vor sich. Viele suchen Hilfe, konsultieren das Internet, befragen Ärzte oder ehemals Betroffene. Ein Buch, ein Krebsratgeber, kann hier helfen.

Die Autorin Antje Vorndran hat für diese Frauen einen ganz besonderen Ratgeber geschrieben, einen Wegbegleiter.  Schon der wundervolle Titel „Nicht allein auf weißem Flur“  deutet an, worum es in diesem Buch geht: Wenn du als Betroffene diese Buch in den Händen hältst, sollst du dich nicht mehr allein fühlen. Dieser Krebsratgeber bietet dir an, dich zu begleiten, dir Zuversicht zu geben und dir Mut zu machen.

Krebsratgeber von Antje Vorndran
Rückseite von „Nicht allein auf weißem Flur“

Ich durfte den Ratgeber von Antje lesen und möchte Dir hier einen kleinen Einblick dazu geben.

Zusammenfassung „Nicht allein auf weißem Flur“

Dieses Buch ist Ende 2020 erschienen. Antje Vorndran ist Betroffene, erhielt mit 38 Jahren unerwartet die Diagnose Brustkrebs und durchlebte das komplette Therapie-Programm. Ihre eigenen Erfahrungen, gerade auch mit den seelischen Erschütterungen, die die Diagnose Krebs mit sich bringt, haben sie dazu bewogen, einen Wegbegleiter für Frauen mit Brustkrebs zu schreiben.

Mein erster Eindruck

Bei „Nicht allein auf weißem Flur“ handelt es sich nicht um einen herkömmlichen Ratgeber. Schon das Erscheinungsbild hat mich sehr angesprochen: Ich halte ein Ringbuch-gebundenes Buch in weißem Karton mit wunderschönen Grafiken (aus Zeichnungen und Fotos zusammengestellt) in der Hand. Der Ratgeber lässt sich leicht umblättern, und schnell sehe ich: Jede Seite ist anders aufgebaut und hat einen anderen Hingucker. So bleibe sofort an dem einen oder anderen Kapitel hängen, alleine durch die ansprechenden Skizzen, die liebevoll den Text auflockern.  Der hintere Teil des Buches enthält Übungskarten, die nicht ausführlich beschrieben sind, jedoch ohne bunte Fotos.  Zum Schluss findest du als Leserin leere Notizseiten – „Raum für eigene Gedanken“.

Diese Aufmachung verleitet mich sofort, mit dem Lesen zu beginnen.

Der Inhalt

In diesem Buch geht es um deine Psyche als betroffene Patientin und um dein Mindset. Das Buch hilft dir, dich in schweren Tagen, an denen du Angst bekommst, aufzufangen. Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung der Therapie, der Vorgänge im Krankenhaus oder der ganzen Untersuchungen. Es geht nur um dich als Patientin und um deine Gefühle. Ich glaube, das ist eine Riesenlücke in den erhältlichen Ratgebern rund um das Thema Krebs. Und ich bewundere es, dass Antje sich an dieses schwierige Thema gewagt hat.

Der Leseteil

Den größten Teil des Buches nimmt der Leseteil ein. Hier nimmt die Autorin dich als Leserin mit auf ihre persönliche Reise. In kurzen, ein- bis zweiseitigen Abschnitten, chronologisch geordnet, erzählt sie erlebte Begebenheiten. Die Absätze sind sehr gut lesbar, knapp und ohne viel Blabla geschrieben. Jeder Aspekt wird in einer warmen, einfühlsamen Sprache erzählt. Und mit guten, kleinen, gut durchführbaren Tipps abgerundet.

Auch ich habe mich sehr angesprochen gefühlt. Meine Brustkrebserkrankung liegt einige Jahre zurück, aber ich hatte das gleiche gesamte Therapie-Programm wie die Autorin zu absolvieren.

Der gesamte Leseteil hat viele Erinnerungen in mir zu Klingen gebracht. Was verschiedene Abschnitte bei mir ausgelöst haben, fasse ich in den nächsten Abschnitten kurz zusammen. Wenn du nicht so viele Details zum Inhalt wissen möchtest, dann springe direkt zum nächsten Teil – Die Übungskarten.

„Der Terror der Zuversicht“ –

Antje schreibt:

Fast reflexartig neigen wir und/oder unsere Lieben um uns herum gerade bei so schweren Erkrankungen wie Krebs dazu, die Kraft des positiven Denkens anzumahnen. „Bleib positiv“ wird dabei manchmal gleichgesetzt mit „Nur dann tust du alles in deiner Kraft, um schnell wieder gesund zu werden.“

Für diesen Abschnitt möchte ich dich am liebsten umarmen, liebe Antje! Wie oft wurde mir das gesagt. „Du musst einfach nur positiv denken.“  Ich möchte meinen Lieben keine schlechte Absicht unterstellen, aber diese Floskel ist oft einfach dahin gesagt, und der Absender glaubt damit einen guten Rat gegeben zu haben. Für mich bedeutet das die Unfähigkeit, sich in die Betroffene wirklich hineinzuversetzen. Das Thema ist damit schnell beendet. Denk doch mal positiv.

Ich selbst war sicher eine der positivsten Personen in meiner Brustkrebs-Erkrankung. Durch meine Gewohnheit, Schlechtes zu verdrängen und mich stets wieder guten Dingen zuzuwenden, hatte ich nur wenig schlechte Tage und meine Psyche war nicht nur nach außen, sondern auch für mich selbst stabil. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, wie bescheiden ich mich bei der Ermahnung, doch einfach nur positiv zu denken, gefühlt habe.

Antjes Buch führt hierzu sogar wissenschaftliche Daten auf. Neuere wissenschaftliche Studien konnten zeigen, dass ein ausnahmsloser Fokus auf das Positive weder notwendig noch unbedingt hilfreich ist. Du findest als Leserin auch eine praktische Übung, mit bedrohlichen Gedanken umzugeben. Diese Übung, meine Gedanken einfach aufzuschreiben und in einem Umschlag zu bewahren, hätte ich in meiner damaligen Situation bestimmt oft gebraucht.

Googeln – Vorsicht!

Ein super wichtiger Hinweis. Das Buch hält die Leserin davon ab, in die Internet-Falle zu laufen und einfach mal nach den Worten im Biopsie-Bericht zu googeln. Auch ich bin hierbei in Patienten-Foren gelandet, in denen breit über Negativ-Erfahrungen berichtet wird. Meine Vorgehensweise war dieselbe, die Antje vorschlägt:  Die Recherche von einer medizinisch vorgebildeten Person machen zu lassen. Ich habe hierzu meine Ärzte-Freundin und Schwägerin zu bitten, mir Artikel zu einem bestimmten Fachbegriff vorgefiltert herauszusuchen. Vielen Dank an dieser Stelle dafür, liebe Martina!

Betonung der offenen Wünsche

Deine eigenen Wünsche sind in dieser Zeit besonders wichtig. Du wirst in diesem Buch dafür oft bestärkt. Antje formuliert hierzu einen „Schutzsatz“, den du verwenden kannst, wenn du überfordert bist.

„Das tut mir jetzt nicht gut, bitte, darüber möchte ich jetzt nicht reden.“

Kein Arzt, keine Psychologin könnte das besser ausdrücken. Ich liebe es, dass dieser Satz als Schutzsatz bezeichnet wird und so den Betroffenen Lesern im Gedächtnis verankert wird.

Frustrationen im Arzt- Patienten Kontakt

Im Internet und auch im richtigen Leben ist viel von unbefriedigenden Beziehungen zwischen Ärzten und Patienten zu lesen und zu hören. Ich habe selbst in Bezug auf die Knochenmarktransplantation neulich einen Artikel dazu verfasst. 

Antje geht sehr realistisch an dieses Thema. Sie beschreibt Gründe für die Frustrationen, die ein gutes Verständnis der Arzt-Situation voraussetzen. Es hat keinen Sinn, die Schuld immer bei den Medizinern zu suchen. Viel besser ist es, wie in dem Buch beschrieben, sich gut auf das Gespräch vorzubereiten. Dies kann beispielsweise ein konkreter Satz oder eine Frage für das Gespräch sein. Hilfreich finde ich auch, dass ein potentieller Arzt-Wechsel angesprochen wird. Ein Thema, das jeden Patienten verunsichert, aber durchaus eine gute Option sein kann.

4x die Woche Ausdauersport

Wer von einer Krebsdiagnose betroffen ist, kennt die Aufforderung, Sport zu machen. Und das schlägt ganz schnell um in ein „zu viel“. Antje beschreibt diese typische Erfahrung knapp und eindrucksvoll. Ich hatte beim Lesen ein Grinsen im Gesicht und fühle mich so sehr abgeholt. Ja, das kenne ich. 4 x die Woche loslaufen und es nicht glauben wollen, dass der Kreislauf kurz nach einer Chemo an seine Belastungsgrenze gerät.

Einsamkeit

Trotz der Fürsorge und Verbundenheit von Angehörigen fühlt man sich bisweilen alleine. Ich finde es so wichtig, dass dieser Aspekt angesprochen wird. Zwei Wochen nach meiner eigenen Diagnose, fuhr ich abends von einer Geburtstagsfeier traurig nach Hause. Ich dachte darüber nach, dass ich nun auf einer anderen Seite des Lebens stand. Diesseits waren die Gesunden, die fröhlichen Menschen, die ihr Leben genießen konnten. Jenseits war ich, mit dem Stigma einer ernsthaften Krankheit. An der Schwelle zu etwas lebensbedrohlichem. Würde ich jemals wieder auf die andere Seite wechseln können? Die Distanz zu den anderen Menschen beschäftigte mich noch eine Weile, und ich fand es beim Lesen des Buches wohltuend zu erfahren, dass ich nicht alleine mit diesen trüben Gedanken war.

Umgang mit dem Buschfunk

Als ich nach meinem gesamten Therapie-Programm erwartungsvoll in die Reha nach Scheidegg fuhr, hatte ich direkt zu Beginn eine sehr nette Tischgemeinschaft. Wir waren 4 Frauen unterschiedlichen Alters mit der gleichen Vorgeschichte wie ich: Brustkrebs, Chemotherapie und Operationen überstanden, Erholung und Reha in den nächsten 3 Wochen. Wir hatten ständig Gesprächsstoff – was hast du damals bekommen, wie ist deine Perspektive, und was für einen Tumor hattest du?

Nach drei Tagen beschloss ich, meine täglichen Aktivitäten wie Spazierengehen, walken oder Schwimmen alleine zu machen. Ich hatte von all meinen Genossinnen  alle möglichen Therapien, alle möglichen Gefahren und ihre gesamten Ängste aufgetischt bekommen. Nachts konnte ich nicht schlafen, weil ich selbst Ängste bekam, die ich vorher überhaupt nicht gekannt hatte. 

Antje schreibt zu diesem Thema: „So hilfreich der Patientinnen-Buschfunk für Informationen sein kann, so problematisch kann er auch werden, wenn du dir die Erzählungen anderer zu sehr zu eigen machst.“ Diesen Rat hätte ich damals dringend gebraucht, und ich möchte ihn deshalb hier gerne weitergeben. Gerade Rehas und Anschlussheilbehandlungen sind ein Schmelztiegel an Gesprächen über schlechte Erfahrungen mit Ärzten, unangenehme Therapien und drohende Risiken für Rezidive. Hier ist der o.g. Schutzsatz – „Das tut mir gerade nicht gut“ ein Segen.

Die Übungskarten

Ein Wort an dieser Stelle zu den 7 Übungskarten. Ich finde sie richtig innovativ und einzigartig. Wie schön ist es für eine betroffene Leserin nicht nur zu lesen und zu konsumieren, sondern direkt an dem Angelpunkt der Angst und des Unbehagens mit Übungen an die Hand genommen zu werden.

Krebsratgeber mit Übungskarten
Beispiel für eine der Übungskarten

Stellvertretend möchte ich eine erwähnen:

WENN DIR HIMMELANGST WIRD

Diese Formulierung werde ich persönlich in meinen Sprachschatz aufnehmen, weil sie so treffend und gleichzeitig so einfühlsam ist. Die Übungskarte enthält 6 verschiedene Einzelübungen zur Auswahl. So kann jede Leserin sich die heraussuchen, die ihr am besten hilft. Ich finde es wunderbar!

Die anderen Übungskarten helfen dir, Kraft zu finden, Schutz zu suchen, dein Körpergefühl wiederzufinden, und ermutigen dich bei den ersten Schritten wieder zurück ins Leben. Ich hätte in der Zeit meiner Erkrankung letztere am meisten gebraucht. Denn diese Schritte werden immer unterschätzt.

Mit dem Leseteil und diesen Übungskarten finde ich die Gestaltung und Aufmachung des Buches ist sehr ansprechend und einzigartig! Sehr gelungen!

Abschluss und Fazit

Das Buch endet im Leseteil mit dem Abschnitt: „Das Nachbeben – immer wieder“. Es ist sehr gut, dass du als Patientin darauf vorbereitet wirst, dass es keinen konkreten Abschluss deiner Krebsgeschichte gibt. Dass die Angst immer wieder anklopfen kann. Und dass du dir, nach dem Lesen von Antjes Buch, ein gutes Handwerkszeug zugelegt hast, um dir einen Notfallplan für schlechte Gedanken in naher Zukunft zuzulegen.

Du hast es geschafft. Mit diesen Worten beendet Antje den Leseteil und die Worte am Ende sind so persönlich und warm, dass ich das Gefühl hatte, sie überreicht mir das kleine weiße Buch mit den herrlichen Zeichnungen selbst. Was für ein wunderschönes Ende.

Ende des Ratgebers für Patienten mit Brustkrebs
Mit diesen Worten endet das Buch von Antje.

Fazit

Ich sage einfach nur danke.

„Nicht allein auf weißem Flur“ ist ein warmes, einfühlsames und informatives Buch. Ein wirklicher Wegbegleiter, einzigartig in Gestaltung und Aufmachung.

Letzte Woche kam eine Freundin bei mir vorbei und erzählte mir von ihrer besten Freundin, einer jungen Mutter, die jetzt mit Anfang 30 Brustkrebs bekommen hat. Ich lief sofort ins Haus und holte Antjes Ratgeber. „ Schau dir das mal in Ruhe an,“ habe ich ihr gesagt, „ob das nicht etwas für deine Freundin wäre.“

Zwei Tage später fand ich das Buch im Briefkasten mit einem Zettel daran: „Liebe Annette, ich danke dir für dieses Buch. Ich habe es meiner Freundin bestellt. Es wird ihr bestimmt helfen.“

Für alle, die sich für „Nicht allein auf weißem Flur“ interessieren: Das Buch ist bestellbar über BoD oder amazon. (nicht bezahlte Werbung aus Überzeugung :-)). Auf der Webseite findest du auch Termine für Online Lesungen aus „Nicht allein auf weißem Flur“.

2 Kommentare zu „„Nicht allein auf weißem Flur“ – ein ganz besonderer Krebsratgeber“

  1. Liebe Annette, mir gefällt dein Beitrag sehr gut, auch wenn es mich nicht betrifft. Ich denke aber, dass dieses Buch und dein Artikel Frauen in so einer schweren Situation helfen kann. Und gut zu wissen, dass es solch ein Buch gibt.

    Liebe Grüße
    Lauffreundin Andrea

  2. Liebe Annette, auch an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank für deinen ausführlichen Artikel. Ich freue mich so, dass du dich wiedergefunden hast in meinem Buch und hoffe, dass es noch viele Menschen gut durch eine Krebsdiagnose begleiten wird. Liebe Grüße von Antje Vorndran

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.