Leben nach Transplantation

Gesundwerden nach Krebs – das ist wie Sauerteig

17. Juli 2020
Gesundwerden ist wie Sauerteig

Die Zeit nach einer Krebstherapie ist schwierig

Wenn bei einem Patienten eine Krebsdiagnose gestellt wird, ist der Schock zunächst sehr groß. In den allermeisten Fällen schlägt der Arzt direkt nachfolgend eine Therapie vor.

Im Falle meiner Brustkrebserkrankung waren es sogar drei: Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Bei der Bekämpfung der MDS (eine Leukämie-Vorform, die ich hier auch schon erwähnt habe) , die vier Jahre später festgestellt wurde, gab es nur eine sinnvolle Therapie, die Knochenmarktransplantation. Fünf Wochen nach der Transplantation wurde ich nach Hause entlassen mit den Worten: „Jetzt müssen Sie ein wenig Geduld haben.“ Wie viel Geduld, das konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Um nach einer Krebstherapie gesund zu werden, braucht es auf jeden Fall folgendes: Zeit, Geduld, Zuversicht. Kein „Unbedingt-Wollen“, keine Kraftanstrengung, keinen Übereifer.

Das Gesundwerden ist wie Sauerteig. Langwierig, schwierig, mühsam. Dieser Artikel ist Teil einer Blogparade, initiiert von Margaretha Schedler. Bei einer Blogparade wird ein Thema ausgerufen, zu dem sich jeder, der möchte, Gedanken machen und einen Artikel hinzufügen kann. Margaretha nennt ihre Blogparade: Leben ist wie Sauerteig.

Ich habe ein wenig darüber nachgedacht, wo ich den Sauerteig in meinem Leben finde. Es fiel mir nicht schwer, eine Parallele zu finden. Bei mir ist es das Gesundwerden, das mich an Sauerteig erinnert. Warum das so ist,  das möchte ich Euch hier erklären.  

Der Sauerteig

Ein Sauerteig benötigt eine lange Zeit, um zu einem guten Brotteig zu werden. 42 Stunden muss er gehegt und gepflegt werden; sorgsam durch fünf aufeinanderfolgende Stufen gebracht werden, bevor er endlich das ist, was man von ihm erwartet.

Ein Sauerteig geht langsam auf, er nähert sich nur träge seinem Ziel, bereit dafür zu sein, um im Backofen zu unserem Grundnahrungsmittel, einem leckeren, duftenden Brot zu werden, das wir am liebsten nur mit Butter essen. Er ist ganz anders als ein reiner Hefeteig, der sich schon bei geringer Wärme explosionsartig auf das Doppelte vergrößert, und der wie eine Katze, die sprungbereit auf ihre Beute lauert, unkontrolliert aus der Teig- Schüssel herausquillt.

Sauerteig ist zäh, dickflüssig, und er riecht auch nicht besonders gut: Nicht nach süßer Hefe, sondern eher nach Säure und Pilzgeruch. Alles in allem mag man ihn nicht so gerne wie einen reinen Hefeteig. Denn wie der Name verrät, ist dieser Teig ein gesäuerter Teig, der Essig- und Milchsäurebakterien enthält, die das Roggenmehl für uns erst verdaulich machen.

Was hat Gesundwerden mit Sauerteig zu tun?

Beides braucht Zeit und Geduld.

Nach einer Krebstherapie, sei es eine Chemotherapie, sei es eine Knochenmarktransplantation, ist das Leben zunächst einmal anders als vorher. Es fühlt sich anders an, die Gedanken finden nicht den Weg zurück in das alte Fahrwasser, und die Psyche… Davon schreibe ich lieber in einem anderen Artikel.

Als Patient wünschst Du Dir nichts sehnlicher, als schnell gesund zu werden. So gesund, wie Du vorher warst. Du hattest doch noch so viele Pläne. Reisen, Unternehmungen, Sport, wieder arbeiten gehen wie vorher. Doch der Körper ist in einem solchen Maß verändert, wie Du es Dir vorher nicht hast vorstellen können.

Die Chemotherapie hat Zeichen hinterlassen. Allein der Haarausfall! Ich habe es nach meiner ersten  Chemotherapie wochenlang vermieden, mich im Spiegel anzusehen. Der Anblick meines Antlitzes ohne Haare hat mich so deprimiert, dass ich beschloss, mir das nicht anzutun. Tag für Tag bin ich im Dunkeln ins Badezimmer gegangen, und habe erst nach zwei Monaten dort wieder Licht gemacht, um mit einer Lupe und zwei Spiegeln die ersten kleinen Haarstoppeln zu betrachten. Und dann einen Freudensprung gemacht.

Die Zeit nach der Therapie ist geprägt von Nebenwirkungen und Belastungen.

Der Haarausfall ist nur ein Beispiel von Nebenwirkungen und Belastungen, die auch Du als Patient nach einer Krebstherapie erleben musst. Das Leben ist beschwerlich für Dich, gar nicht süß, sondern sauer. Wie eben Sauerteig.

Dein Körper muss sich lange mit den Nebenwirkungen und Folgen der Therapie auseinandersetzen. Neben den ausgefallenen Haaren sind die Schleimhäute befallen, Du hast Gewicht verloren und bist schwach und so müde, wie Du es noch nie vorher warst. Tag für Tag. Nur langsam erholt sich Dein beschädigtes Gewebe, Dein Kreislauf benötigt winzige Schritte tagtäglich zur Regeneration. Erst viele Tage nach der Entlassung wirst Du die Treppe wieder nach oben gehen können, ohne nach Luft zu schnappen und Dich wie eine alte Frau zu fühlen.

Medikamente Krebs

Die Zeit nach der Chemotherapie ist nicht süß wie Zuckerbrot, sondern eher sauer und mühsam. Die letzten Anzeichen der Übelkeit verhageln Dir den Alltag, Du sagst Kaffeestündchen mit der Freundin ab, weil Du Dich so schlapp fühlst. Das ist wie der saure Charakter des Sauerteiges – Du magst es nicht so richtig. Auch die unangenehmen Medikamente, die Du weiternehmen musst, sind sauer. Aber sie machen Dir das Gesundwerden erst möglich. Nimm sie, so lange Du sie brauchst. Stück für Stück merkst Du, dass Du eins nach dem anderen absetzen kannst. Wieder eine Stufe weiter auf dem Weg zu Gesundwerden.

Gesundwerden benötigt Zuversicht und Vertrauen in Deinen Körper.

Zuversicht. Das brauchst Du als Patient. Zuversicht und Vertrauen in Deinen Körper, der mit all den Resten der Chemotherapie oder der Strahlendosis oder der anderen Medikamente in seinem Stoffwechsel kämpft. Das dauert.

So lange wie der Sauerteig, der sich Stufe für Stufe auf das richtige Niveau kämpft.

In den beiden Fällen meiner Krebstherapie brauchte ich sehr viel Zeit, bis ich in meinem Körper fühlte, dass es aufwärts ging. Nur Geduld und Zuversicht auf bessere Zeiten hat es gebracht, dass ich mich dem Zustand „Gesund“ wieder genähert habe. Es half kein psychisches Aufbäumen, kein festes Wollen, ja selbst kein positives Denken, was mir so oft empfohlen wurde von Menschen, die es gut mit mir meinten.

Gesundwerden verläuft nicht linear

Rückschläge und Komplikationen

Fünf Stufen braucht der Sauerteig auf dem Weg zum Brotteig.

Ähnlich brauchte ich auch viele Stufen auf dem Weg zum Alltag zurück. Nach der Transplantation erlitt ich eine häufige Komplikation, eine Abstoßungsreaktion des Körpers auf die transplantierten Zellen, die man GvHD nennt. Es war ein erster Rückschlag. Ich bekam neue Medikamente, die mein Immunsystem unterdrückten, und gleichzeitig die Abstoßung kontrollierten. Weitere Rückschläge folgten: Infektionen der Speicheldrüsen, Lungenentzündung, Erkältungen mit Fieber, Grippe, Herzinsuffizienz. Viele Patienten haben ähnliche Komplikationen nach einer Knochenmarktransplantation.

Meine Lebensqualität (ein abstrakter Begriff, der viele abstrakte Faktoren beinhalte, der aber den Zustand des guten Lebens am besten beschreibt) machte in den Jahren nach der Transplantation Kapriolen.

Leben nach Krebs Therapie

Erst durch den Rat meiner Ärzte und meiner wundervollen Psychologin verstand ich:  Gesundwerden geht nicht linear nach oben. Es geht in Wellenbewegungen, auf und ab. Aber jede Phase, die Du als Patient durchlebst, auch wenn die Kurve wieder nach unten führt, bringt Dich ein Stückchen weiter. Näher ans Gesundwerden.

Gesundwerden benötigt Kümmerer, so wie Sauerteig Meister im Backen benötigt

Leben nach Krebstherapie ist schwierig für Familie und Angehörige

Angehörige bei Krebs

Die Unsicherheit für die Partner und Angehörigen ist groß. Wie lange bist Du noch krank? Was kannst Du schon? Viele Fragen wurden mir gestellt, die ich selbst nicht beantworten konnte. Aber, es tat gut, dass sich jemand kümmerte. Dass die Familie für mich da war, immer und überall. Es tat unglaublich gut, dass ich nicht alleine war in dem Prozess des Gesundwerdens. Es hat geholfen, wenn ich darüber sprechen konnte, wie es mir morgens ging. Es hat mich gefreut, wenn ich jemandem von meiner Familie berichten konnte, dass ich mich an dem einem oder Tag schon wieder ein klein wenig besser fühlte, auch wenn meine Kinder es nicht verstehen konnten, dass ich immer noch die meiste Zeit im Bett lag.

Das Gesundwerden ist ein Prozess, der viele Hände, viele Kümmerer braucht. Nicht nur die zwei Hände einer Hausfrau, die den Hefeteig schnell zusammenknetet, kurz im Thermomix gehen lässt und dann in den Backofen stellt. Gesundwerden ist wie Sauerteig, der sorgsames Führen durch den Bäckermeister benötigt. Es benötigt sowohl das liebevolle Kümmern durch Deinen Partner, als auch den verantwortungsvollen Rat der Ärzte, die Dich als Patient durch den langen Prozess des Gesundwerden trägt.

Irgendwann nach langer Zeit sind die Beeinträchtigungen vorbei.

Hoffnung nach Krebs

Doch diese Zeit ist wirklich lang, sie kann Monate, selbst Jahre, so,  wie nach meiner Knochenmarktransplantation, dauern. Das Wichtige daran war, dass ich immer wusste, es wird irgendwann wieder besser sein. Ich ahnte, dass ich irgendwann wieder fast alles können werde, und ein aktives, fröhliches Leben führen kann. So wie der Bäcker weiß, dass sein Sauerteig nicht schon nach ein bis zwei Stunden, sondern erst zwei Tage nach Beginn des Backens, als fertiges, leckeres Brot auf dem Ladentisch liegt. Und seinen Sinn gefunden hat.

Sauerteig-Brot

Gesundwerden ist wie Sauerteig. Das gilt besonders für alle nach einer Krebstherapie. Aber wenn Du dann gesund bist, freust Du Dich besonders. So, wie ein fertiges Sauerteigbrot etwas ganz Besonders ist. Weil es schön hochgegangen ist, warm, und dunkel in der Farbe, nach Roggen riechend.

  1. Liebe Annette,
    ich bin so gerührt und freudig zugleich, dass Dich mein Thema „Das Leben ist wie ein Sauerteig“ bewegt hat einen so wundervollen Artikel zu meiner Blogparade zu schreiben. Ich danke Dir von ganzem Herzen; denn ich weiß aus eigener Erfahrung wie schwer es ist nach einer Erkrankung wieder ins Leben zurück zu finden. Es ist großartig zu lesen, wie Du Dein Leben beschreibst und macht sicherlich all Deinen Lesern Mut mit Zuversicht und Geduld täglich ihr Leben zu gestalten.
    Alles Liebe und Gute
    Margaretha

    1. Liebe Annette,
      Was für ein berührender und wundervoller Text, ich bin dir sehr dankbar, dass du ihn teilst. Meine Mutter hatte auch Brustkrebs, das ist Jahre her und erst jetzt verstehe ich ein bisschen, wie es ihr eigentlich gegangen sein muss, wie wenig sie gezeigt hat. Ich bin tief getroffen.
      Alles Liebe
      Celine

  2. Liebe Annette, wie du dir denken kannst, kann ich das alles sehr gut nachempfinden. Mir ging es sehr ähnlich nach meiner Stammzelltransplantation. Was mich getragen hat, war meine Zuversicht. Das war so unverrückbar, dass ich heute manchmal ganz erstaunt bin, wie ich die aufbringen konnte. Ich habe so fest daran geglaubt, dass alles wieder besser wird und nur darauf kam es mir an. Ich wünsche dir, dass deine Zuversicht dein treuer Begleiter bleibt, denn schließlich – und da beißt die Maus keinen Faden ab – müssen wir Krebspatienten den Boden, die Grundeinstellung dafür schaffen, dass wie uns Stück für Stück, Zentimeter für Zentimeter nach vorne hangeln. Klar, ohne die Kümmerer läuft es nicht, aber letztlich bis du der Herr, die Herrin über deinen Sauerteig. Alles Liebe, Nella

  3. Liebe Annette, vielen Dank für diesen Artikel. Ich kann es gut nachvollziehen und mir sitzt ein Kloss im Hals. Wie schwerer Weg war. Und wie wundervoll, dass es Gesundwerden sogar gibt! Ich kann den Vergleich zum Sauerteig sehr gut nachvollziehen. Ich werden Deinen Blog Betroffenen weiterempfehlen! Herzlich, Kristina

  4. Eine sehr schöne Analogie „Gesundwerden zu Sauerteig“. Ich wünsche dir, dass viele Menschen diesen Beitrag finden und ich hoffe m, dass jeder auch seinen Kümmerer findet und Geduld mit sich hat. Dein Beitrag kann durchaus Mut machen und ich danke dir, dass du dir die Mühe dazu gemacht hast

  5. Liebe Annette, deine Veranschaulichung als „Sauerteig“ empfinde ich als große Stütze. Diese Erkrankung, diese Therapie und so oft auch deren Nebenwirkung bedürfen dem Willen dranzubleiben, nicht aufzugeben, unerwünschte Inhaltsstoffe auszuleiten und alles auch psychisch zu verarbeiten. Total super, genieße die neue Lebensfreude und erfreue dich an deinem gelungenen Brot. Alles Gute weiterhin Kerstin

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